Ab heute bin ich also nicht mehr alleine unterwegs. Meine staendigen Begleiter ab heute, neben den ueblichen Stimmen in meinem Kopf: Stanzen (der Sohn des eigentlich gebuchten Guides und Gruppenschoenster) und Namjell, Stanzens ehemaliger Schulkamerad und Fahrer eines Suzuki-Bullies. Ausserdem an Bord, ein Faltblatt zum Thema: Bewusstes Reisen in Ladakh.
Mein Ziel, neben Sex, Drugs und Rockn Roll lautet also: Die Ladakhi sollen den Respekt vor ihrer Kultur und ihrer Lebensweise behalten. Desweiteren moechte ich mithelfen, die negativen Auswirkungen des Tourismus auf die Umwelt zu mindern.
Ich werde also z. B. Produkte von Konzernen wie Nestle, Coca-Cola, Pepsi usw. vermeiden, da diese weltweit die lokalen Wirtschaftssysteme zerstoeren. In unserer Heimatstadt wurde bereits der frueher so beliebte Rhabarbersaft vom Markt verdraengt. Schlimme Sache, dass!
Desweiteren werde ich den Erwerb von Plastikprodukten meiden und meine Wasserflaschen stets auffuellen lassen. Habe ich bisher auch schon so gehandhabt. Nur Moenche zeigten hierfuer bisher wenig Verstaendnis.
Um Energie zu sparen, werde ich jegliche mit Strom betriebenen Gueter in Leh lassen. Ohne Handy-Empfang faellt auch dieser Verzicht leicht.
Nicht rauchen, nicht spucken, nicht saufen, nicht fummeln in der Oeffentlichkeit…
Ich habe keine Ahnung wohin es ueberhaupt geht und ob sich der ganze Verzicht ueberhaupt lohnt. Wir bewegen uns ausserhalb meines Reisefuehrers. Wir bewegen uns von Leh aus in westliche Richtung, immer dem guten alten Indus entlang. Armpuffer werden hierbei nicht benoetigt, da sich der Indus hier recht konservativ an sein ihm angestammtes Flussbett haelt.
Auf der Fahrt werden die Schaeden der Springflut in Ladakh deutlich. Provisorische Strassen abseits des eigentlichen Strassenverlaufes und Reste von weggeschwemmten Haeusern machten das Ausmass der Flut deutlich. In Ladakh sind ca. 1000 Menschen ums Leben gekommen. In Leh war fuer mich noch schwer vorstellbar, wie es hierzu kommen konnte.
Nach ca 1, 5 Stunden Fahrt setzen Stanzen und ich den Weg zu Fuss fort.
Unser erstes Ziel heisst Yangthang. Der Ort liegt ca. auf 3900 Metern Hoehe, hat 97 Einwohner, 0 Jak und 1 Hund. Der andere wurde aufgrund unsozialem Verhalten liquidiert. Ich lese mir daher spontan nochmal mein Faltblatt zum Thema Ladakh durch. Hier faellt man besser nicht unangenehm auf.
Als wir ankommen steht Namjell mit einer gekuehlten Flasche Pepsi bereit. Die Falle erkenne ich auf Anhieb und bestehe auf mein warmes Wasser.
Wir uebernachten in einem Homestay. Die Familie besteht aus 9 Personen, die mir im Laufe des Tages noch ueber den Weg laufen. Da derzeit Ernte ist, sind die meisten auf dem Feld bzw. die Kinder noch in der Schule.
Ich erkunde mein Zimmer und das Klo und beschliesse wieder mal, das mein Stoffwechsel fuer die naechsten 6 Tage auszubleiben hat.
Hatte mit einem Plumpsklo gerechnet (warum eigentlich?) es handelt sich jedoch um das uebliche Hockklo, diesmal jedoch in seiner einfachsten Form, quasi unplugged. Ein Raum ohne Bodenbelag mit einem Loch im Erdreich. Wie nah darf man so einem Loch kommen, ohne die Statik zu gefaehrden? Ich weiss es nicht und entscheide mich fuer die sicherheitsbewusste Hockversion der Versichertenangestellten. Fuesse und Loch kommen sich nicht wirklich nah. Auf die Entfernung wirkt es nicht mal unhoeflich, wenn sie sich nicht gruessen.
Wir trefffen uns zur Teestunde in der Kueche, der sozialen Begegnungsstaette in einem traditionellem Ladakhi-Haus. Vor dem beeindruckenden Herd steht eine Dose Nestle-Milchpulver und eine Flasche Pepsi.
Wir trinken Buttertee (salziger Tee mit Butter) und genehmigen uns ab und an einen Loeffel Gerstenmehl (schmeckt wie Zwieback heisst aber Tsampa) das hier stets auf dem Tisch steht.
Direkt nach dem Genuss des Mehls empfiehlt es sich fuer einige Minuten die Klappe zu halten. Sonst erzielt man die Wirkung des Vulkans Eyjafjallajökull. Naja, zumindest die naehere Umgebung wird bestaeubt.
Gerste wird unter anderem auch zur Herstellung der lokalen Biersorte genutzt. Das Korn schmeckt geroestet fast wie Popkorn. Das Mehl wird auch gerne in den Tee gegeben und zu kleinen Kuegelchen geknetet.
Waehrend ich also so sitze und Buttertee trinke, werden mir Tsampa, Kekse, Aepfel und weiterer Tee angeboten. Es hat also ein wenig was von Club-Urlaub in einer All-Inclusive-Anlage ohne Karaoke auf dem Sonnendeck. Es ist quasi eine Kunst, weitere Kalorienzufuhr und das Nachschenken von Tee zu verweigern.
Am Abend gibts Dhal (Linsengericht), Gemuese und Chapati, die der Herr des Hauses im Akkord zubereitet. Kann mich nicht erinnern, wann oder ob ich ueberhaupt schonmal eine Mahlzeit zu mir genommen habe, die ohne vorbearbeitete Produkte entstanden ist. Saulecker !!
Wir befinden uns uebrigens im einzigen Haus mit Telefon. Die Regierung hat jedem Dorf ohne Festnetzanschluss ein Satellitentelefon zur Verfuegung gestellt. Naja, derzeit verfuegt kaum ein Haus in Ladakh ueber Festnetzanschluss, dank der Flutwelle die Anfang August durch Ladakh floss. Daher auch die langsame Internetverbindung ueber Satellit in Leh.
Von ca. 19 Uhr bis 23 Uhr gibt es Strom. Dieser wird ueber einen Dieselgenerator im Dorf erzeugt.
Ich schlafe ein, noch bevor der Strom ausgeht.
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